Säße ich im Rollstuhl, hätte jeder Mitleid mit mir.

Wenn ich sage, dass ich Legastheniker bin, gelte ich als dumm.

– Professor Dr. med. Tiemo Grimm –
Facharzt für: Humangenetik, Kinder/Jugendmedizin,
an der Universität Würzburg und Legastheniker

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Hilfe

Allgemein

Therapie und Förderung soll dem Legastheniker ermöglichen, mit seinen Schwierigkeiten besser umzugehen. Sie sollte ganzheitlich angelegt sein, d.h. der Gesamtpersönlichkeit der Kinder in schulischer, sozialer und emotionaler Hinsicht gerecht werden.

Dazu gehört in erster Linie, dass Legasthenie frühzeitig festgestellt wird und somit als Ursache für das Scheitern in der Schule anerkannt wird. Die psychische Entlastung ist ein zentraler Punkt der Legasthenie-Förderung, da Spannungen im Umfeld aufgrund der schlechten Leistungen meist noch weitere negative Folgen - auch im gesundheitlichen Bereich - nach sich ziehen.

Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang der Rückhalt in der Familie. Legasthene Kinder können sich nur positiv entwickeln, wenn sie von ihren Eltern trotz schlechter Leistungen anerkannt werden. Quälendes Üben zu Hause, welches selten den gewünschten Erfolg bringt und der Druck, besser werden zu müssen, können sehr belasten.

Eltern

Die Voraussetzung für häusliche Förderprogramme ist, dass die Eltern ausreichend Zeit haben, konsequent über einen längeren Zeitraum mit ihrem Kind zu üben. Die Maßnahmen sollten dabei immer sehr detailliert mit den Lehrern bzw. Therapeuten abgestimmt sein, damit das gemeinsame Üben und Lernen nicht zu einer negativen Belastung des Eltern-Kind-Verhältnisses führen.

Eltern sollten sich bei der Durchführung eines Förderprogramms beraten lassen. Eltern können ihren legasthenen Kindern nur helfen, wenn sie das Problem ihres Kindes in seiner Tragweite verstehen und akzeptieren sowie einen gewissen Abstand dazu aufgebaut haben. Druck, Frustration und schlechtes Gewissen gefährden eine erfolgreiche Zusammenarbeit und nicht alle Eltern sind als (Co-)Therapeuten geeignet, das müssen sie auch nicht. In diesem Fall ist es wirklich besser, die Lese-Rechtschreib-Förderung an Außenstehende abzugeben und dem Kind innerhalb der Familie den Rücken zu stärken, indem es einfach angenommen und geliebt wird, so wie es ist.

Hilfe bei der Suche nach der richtigen außerschulischen und außerhäuslichen Förderung können Ihnen unsere Landesverbände geben.

Im Folgenden erhalten schon mal einige Tipps, wie Sie helfen können:

Wie können Eltern helfen?

Zunächst einmal ist es wichtig, dass man dem Kind die Legasthenie erklärt und ihm somit das Gefühl nimmt, ein Versager zu sein. Es sollte behutsam angeleitet werden, seine eigene Lernsituation durch bestimmte Methoden zu verbessern. Die Überforderungs-Versagens-Spirale darf zu Hause nicht fortgesetzt werden.

  • Stellen Sie keine kurzfristigen Erfolge in Aussicht sondern bereiten Sie Ihr Kind darauf vor, dass seine Bemühungen langfristig angelegt sein müssen.
  • Lesen ist wichtiger als Rechtschreiben! Setzen Sie die richtigen Prioritäten! Die Lesekompetenz Ihres Kindes ist für den Wissenserwerb in allen Fächern wichtig.
  • Die meisten Computer verfügen heute über Rechtschreibprogramme, hier kann man sich behelfen.
  • Lernen Sie spielerisch mit Ihrem Kind, es gibt eine Reihe geeigneter Gesellschaftsspiele, die für die Buchstabierfähigkeit förderlich sind (z.B. Nomen-Memory, Scrabble, Wort-Kniffel usw.).
  • Loben Sie Erfolge, fokussieren Sie nicht die Misserfolge. Wecken Sie die Lernmotivation Ihres Kindes und erkennen Sie Fleiß und Mühe an, zunächst nicht von Erfolg gekrönt sind!
  • Ihr Kind braucht Selbstvertrauen! Finden Sie gemeinsam seine Stärken heraus und geeignete Lernstrategien, die zu ihm passen. Helfen Sie Ihrem Kind, strukturiert zu arbeiten und zu lernen!

Lerntipps

Lernen Sie mit Ihrem Kind in überschaubaren Stoff- und Zeiteinheiten. Überforderung frustriert und schadet langfristig der Lernmotivation.

  • Verwenden Sie Farben — zum Hervorheben, Strukturieren und Kennzeichnen (z.B. Textmarker, Buntstifte).
  • Verwenden Sie Lautgebärdensprache beim Einüben von Buchstaben und beim Buchstabieren von Wörtern.
  • Legen Sie Karteikästen an — z.B. für schwierige Wörter.
  • Nutzen Sie beim Lernen alle Sinneskanäle: Sehen, Hören, Sprechen, Schreiben. Z.B. lautes Mitsprechen von Geschriebenem, Visualisierung von Zahlen durch Mengen-Bilder, Mitschreiben von Gehörtem, Nachsprechen von Gehörtem usw.
  • Beim Üben von Diktaten nur mit Merkwörtern arbeiten — keine Quälerei mit ganzen Texten.

Lesetipps

  • Lassen Sie Ihr Kind zuerst wortweise, später satzweise laut lesen!
  • Verwenden Sie stets neue Texte, gerade jüngere Kinder lernen schnell auswendig.
  • Überprüfen Sie, ob das Kind den Text verstanden hat, stellen Sie Fragen zum Inhalt!

Fremdsprachen-Tipps

Beim Erlernen von Fremdsprachen gibt es für Legastheniker wieder neue Probleme, denn es müssen neue Zuordnungen zwischen Gehörtem (Laut), Geschriebenem (Wortbild) und der deutschen Bedeutung gelernt werden. Wichtig sind hilfreiche Lerntechniken, die der unterschiedlichen Schreib- und Sprechweise gerecht werden.

  • Auch hier gilt wieder: Lesen können (und damit Wissensaufnahme) kommt vor Rechtschreibung! Strukturiertes Arbeiten, spielerisches Lernen, Einsatz der Lautgebärdensprache und das Lesen von unbekannten Texten sind wichtige Eckpunkte für das Sprachtraining.
  • Lassen Sie Ihr Kind häufig deutlich und langsam sprechen, verwenden Sie keine Abkürzungen (nicht I'm sondern I am), lassen Sie die Vokabeln buchstabieren und sprechen, wie man sie schreibt.
  • Üben Sie täglich 10 Vokabeln und lassen Sie damit freie Sätze bilden. Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind, wie mit dem Englisch-Buch zu arbeiten ist (z.B. erst die Grammatik-Seite, dann die Übungen usw.)
  • Kinder sind neugierig und interessiert, neue Sprachen zu lernen. Machen Sie sich diese Motivation zunutze! Englischsprachige Bücher im jeweiligen Wortschatz-Niveau, gute Lernsoftware oder gar ein Sprachaustausch können den Lerneifer unterstützen.

Schule

Das Lehren von Lesen und Rechtschreiben ist zunächst einmal Aufgabe der Schule. Der Bildungsauftrag und somit die Verpflichtung, unseren Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen, ist von Rechts wegen dort angesiedelt. Schwierigkeiten beim Erlernen sollten daher dort bemerkt und aufgegriffen werden. Gemeinsam mit den Eltern sind Förderhilfen für das legasthene Kind zu suchen und umzusetzen.

Jedes Bundesland hat hierfür eigene Rahmenrichtlinien in Form von Erlassen und Verwaltungsvorschriften, die jedoch sehr unterschiedlich ausfallen. Auch in der Umsetzung dieser Erlasse an den Schulen gibt es wiederum erhebliche Bandbreiten bezüglich Diagnosemöglichkeiten und Förderangeboten für legasthenische Kinder. Wenige Lehrer und Lehrerinnen sind bisher entsprechend ausgebildet.

Förderprogramme für einzelne Kinder werden, der Gesamtsituation angepasst, individuell zusammengestellt, je nachdem, welche Störungen vorliegen, wie schwer sie sind, wie der Entwicklungsstand in der Schriftsprachentwicklung und das Alter des Kindes ist und welche kombinierten weiteren Störungen vorliegen (z.B. hyperkinetische Störung), aber auch inwieweit zuhause gefördert werden kann und welche schulischen Angebote vorhanden sind (z.B. Förderunterricht).

Konkret werden mit den Kindern Übungen gemacht, die einerseits auf der alphabetischen Entwicklungsstufe ansetzen (Zerlegen und Zuordnungen von Lauten, Buchstaben, Silben, Worten) und die Lesefähigkeit stärken sollen, andererseits sind es Übungen, die die Rechtschreibung fördern durch Regeltraining (systematisches Training von Rechtschreib-Regeln) und die Vermittlung von Lösungsstrategien.

Bei der Binnendifferenzierung wird innerhalb des Klassenverbands gefördert. Besondere Vorteile bietet aber die Einrichtung von Fördergruppen zusätzlich zum Unterricht, da die Lernsituation emotional entlastet wird. Durch Gruppenbegrenzung auf maximal 5 bis 6 Kinder ist eine individuellere Betreuung möglich.

Tipps für die Schulsituation

Gerade die Grundschulzeit ist am belastendsten für legasthene Kinder. Da die Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen erlernt werden sollen, macht sich die Lernschwäche in den ersten 4 Schuljahren am stärksten bemerkbar. Gerade in dieser Zeit wird deshalb das Leistungsvermögen der Kinder massiv in Frage gestellt, was schnell zu Frustrationen, sozial auffälligem Verhalten oder Unlust führen kann.

  • Machen Sie sich deshalb stark für Ihr Kind, halten Sie den Dialog mit der Schule, sorgen Sie dafür, dass Ihrem Kind Verständnis entgegengebracht wird und fordern Sie Hilfen ein, die Ihrem Kind die Lernsituation erleichtern! Es gibt hierzu eine Reihe von einfach durchsetzbaren Maßnahmen:
  • Das Kind sollte möglichst vorne sitzen, am besten frontal zur Tafel, damit es so wenig wie möglich abgelenkt wird, genau wahrnehmen kann und seine Situation besser von der Lehrkraft beobachtet werden kann.
  • Es sollte nur freiwillig vorlesen oder an die Tafel gehen müssen. Solche Situationen sind für Legastheniker sehr belastend, sie fühlen sich leicht vorgeführt.
  • Für die Hausaufgaben können Sonderregelungen vereinbart werden: nur nützliche, erfüllbare Aufgaben helfen weiter. Wichtig ist ein Zeitlimit, unabhängig davon, ob die Hausaufgaben fertig sind.
  • Der individuelle Lernfortschritt sollte gelobt werden, auch wenn es sich dabei um objektiv kleine Erfolge handelt.
  • Klassenarbeiten sollten mit Maschinen geschriebenen, übersichtlichen Arbeitsblättern durchgeführt, die Arbeitsanweisungen vorgelesen werden. Die Korrekturen sollten dezent sein (kein 'rotes Blatt'), die Bemerkungen anerkennend und ermutigend.
  • Ein Nachteilsausgleich kann auch sein, dem Kind mehr Zeit für einen Test zu geben (z.B. die Pause noch dazu).
  • Gute Schulnoten sind nicht so wichtig wie das seelische Gleichgewicht eines Kindes. Auf den weiterführenden Schulen tritt die Legasthenie mehr und mehr in den Hintergrund, weil mehr und mehr Fachwissen gefragt ist, daher ist es wichtig, dass das Kind die für sein Intelligenzniveau passende Schulart besuchen kann. Immer mehr moderne Hilfsmittel helfen dem Legastheniker, sein Handicap zu kompensieren (Computer mit Sprachausgabe, Hörmedien, Schreibprogramme mit automatischer Rechtschreib- und Grammatikprüfung usw.).
  • Mit der Unterstützung durch ein liebe- und verständnisvolles Elternhaus entwickeln Legastheniker oft eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit, da sie bereits im Kindesalter gelernt haben, Probleme zu akzeptieren und Lösungsmöglichkeiten zu finden.
  • Nicht selten trifft man sie in verantwortungsvollen Positionen in den unterschiedlichsten Berufsfeldern an.

Für Eltern ist es daher wichtig, sich darauf zu konzentrieren, die Stärken ihres Kindes zu fördern und ihm Hilfestellung zu geben, mit seiner Legasthenie selbstbewusst umzugehen.

Therapie

Finanzierung von Legasthenie- und Dyskalkulie-Therapien

Wenn Eltern erfahren, dass ihre Kinder von Legasthenie und/oder Dyskalkulie betroffen sind, gehen sie zunächst davon aus, dass ihr Kind in der Schule gefördert wird und eine darüber hinausgehende Therapie von den Krankenkassen übernommen wird. Ungläubig stellen viele dann fest, dass die Schulen nicht angemessen fördern (können) und dass die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen.

Informationen hierzu gibt es im Ratgeber, den Sie als Mitglied kostenlos beim Bundesverband finden. Nicht-Mitglieder können den Ratgeber als Informationsmaterial bestellen.

Zusätzliche Förderung erfolgt häufig durch außerschulische private Anbieter, die aufgrund der hohen Nachfrage zunehmen. Wirksamkeit der Therapie sowie Qualifikation der Therapeuten sind bedeutsame Punkte von Rat- und Hilfesuchenden.

Bislang gibt es weder den Ausbildungsberuf zum "Dyskalkulie-Therapeuten" noch einen Schutz eines solchen Berufsbildes.

Derzeit tätige Therapeuten verfügen in der Regel über ein abgeschlossenes Hochschulstudium mit den Kernfächern Pädagogik, Mathematik und Psychologie.